Vortragssitzung

Gesundheitsverhalten

Vorträge

Finanzielle Anreizsysteme durch Arbeitgeber zur Förderung körperlicher Aktivität von Angestellten im Rahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements
Till Seuring, Luxembourg Institute of Socio-Economic Research (LISER
Thomas Heise, Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS)
Jennifer Frense, Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS)

Einleitung

In Deutschland ist nahezu die Hälfte der arbeitenden Bevökerung während ihrer Erwerbstätigkeit vorwiegend körperlich inaktiv. Daher bieten viele Unternehmen innerhalb der Betrieblichen Gesundheitsförderung (BGF) bewegungsfördernde Maßnahmen an. Seit Verabschiedung des Präventionsgesetzes (PrävG) haben gesetzliche Krankenkassen eine Ausweitung ihrer Möglichkeiten erhalten, finanzielle Anreize zu nutzen, um die Teilnahme an BGF-Maßnahmen für Mitglieder zu fördern. Trotz der Zunahme qualitativ hochwertiger Studien zur Effektivität finanzieller Anreize zur Steigerung der körperlichen Aktivität im betrieblichen Setting, wurden diese bisher nicht systematisch zusammengefasst. Ziele dieses Reviews sind daher: die Bewertung der Wirksamkeit arbeitgebergestützter finanzieller Anreizsysteme zur Bewegungsförderung (i) auf Programmteilnahme, körperliche Aktivität und andere relevante Endpunkte, (2) nach Alter, Geschlecht, Implementationsart und Studienqualität; sowie (3) Betrachtung von Interventionskosten und Kosteneffektivität.

Methode

Unser Systematischer Review synthetisiert Evidenz aus (cluster-)randomisierten kontrollierten Studien. Die bereits abgeschlossene Literatursuche umfasste acht wissenschaftliche Datenbanken, zwei graue Literaturquellen, zwei Studienregister und fünf Websites. In beiden Screeningstufen (Titel/Abstract, Volltext) werden vorab definierte Auswahlkriterien gemäß unseres Review-Protokolls verwendet. Zur Bewertung der Studienqualität wird das Cochrane RoB 2.0-Tool angewendet. Screening, Qualitätsbewertung und Datenextraktion werden dabei von zwei Personen unabhängig voneinander durchgeführt. Bei ausreichender Anzahl von Studien mit homogenen Daten bzgl. primärer Endpunkte, werden Meta-Analysen berechnet. Die Vertrauenswürdigkeit der Evidenz wird abschließend mittels GRADE bewertet werden.

Ergebnisse

Vorläufige Ergebnisse der Evidenzsynthese werden zum Kongress vorgestellt. Sollte dieser Review zeigen, dass finanzielle Belohnungen die körperliche Aktivität von Erwerbstätigen erhöhen, würde dies die Nutzung solcher Anreize als evidenzbasierter Bestandteil der BGF untermauern. Bei fehlendem Wirksamkeitsnachweis, könnte es ökonomisch als auch gesundheitspolitisch angezeigt sein, andere verhaltens- oder verhältnispräventive BGF-Maßnahmen vorzuziehen.

Zusammenfassung

Finanzielle Anreize sind häufiger Bestandteil betrieblicher Gesundheitsmaßnahmen und werden von gesetzlichen Krankenkassen gefördert. Dieser Review fasst die existierende Evidenz auf Basis qualitativ hochwertiger Studien zusammen. Ergebnisse des Review können die Entscheidungsfindung zur Nutzung solcher Anreize in BGF-Maßnahmen erleichtern und werden weiter bestehende Lücken in der existierenden Evidenz aufzeigen.


Authors
Till Seuring, Luxembourg Institute of Socio-Economic Research (LISER
Jennifer Frense, Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS)
Lara Christianson, Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS)
Thomas Heise, Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS)
Understanding the influence of individual and systematic factors on vaccination take-up in Europe
Dörte Heger, RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung

Einleitung

Neben dem persönlichen Impfschutz, bietet eine hohe Impfrate auch einen umfassenden Nutzen für die öffentliche Gesundheit. Die Erhöhung der Impfraten ist daher ein wichtiges gesundheitspolitisches Ziel - sowohl innerhalb der EU als auch weltweit. Ein besseres Verständnis dafür, warum Personen keine Impfungen erhalten, hilft dabei Impfkampagnen zu verbessern, um insbesondere auch Bevölkerungsgruppen mit niedrigen Impfraten zu erreichen. Zu diesem Zweck untersucht dieses Papier individuelle sowie systemische Einflussfaktoren auf das Impfverhalten von Bürgern und Bürgerinnen der Europäischen Union im Alter von 55 Jahren und älter. Darüber hinaus untersuchen wir, inwiefern die Organisation des Gesundheitssystems die Gründe dafür beeinflussen, dass sich Individuen trotz einer offiziellen Impfempfehlung nicht impfen lassen.

Methode

Wir nutzen Daten des speziellen Eurobarometer 488 (Welle EB91.2) „Europeans' attitudes towards vaccination“ aus dem Jahr 2019, welche 28 europäische Länder abdecken. Den Einfluss verschiedener Parameter auf die Wahrscheinlichkeit einer Impfung schätzen wir auf Basis linearer Wahrscheinlichkeits- und Probit-Modelle für unsere Hauptspezifikation sowie für verschiedene Sensitivitätsanalysen. Neben sozio-demographischen Einflussfaktoren, legen wir ein besonderes Augenmerk auf offizielle Impfempfehlungen und private Zuzahlungen zu diesen Impfungen, welche wir anhand der am häufigsten empfohlenen Grippeimpfung betrachten. Des Weiteren nutzen wir deskriptive Analysen um zu untersuchen, wie sich die Gründe dafür, keine Impfung zu erhalten, zwischen verschiedenen Wohlfahrtsregimen unterscheiden. Dazu unterscheiden wir “post-kommunistische”, “ehemalige USSR”, “sozial-demokratische/nordische” und “konservative/korporatistische” Wohlfahrtssysteme.

Ergebnisse

Ein höherer Wissensstand über die Wirksamkeit und Sicherheit der Impfung erhöht die Wahrscheinlichkeit in den letzten fünf Jahren eine Impfung erhalten zu haben um durchschnittlich 14%. Offizielle Impfempfehlungen, untersucht für den speziellen Fall der Grippe, erhöhen diese Wahrscheinlichkeit um 6%. Muss die empfohlene Impfung jedoch selbst finanziert werden, verringert sich die Wahrscheinlichkeit um 10%. Darüber hinaus unterscheiden sich die Unterschiede für keine Impfung stark zwischen den Sozialsystemen.

Zusammenfassung

Die Impfraten in Europa liegen weit unter den in offiziellen Empfehlungen festgelegten Zielen. Die Verbesserung des Impfwissens und die Übernahme der Kosten für empfohlene Impfungen durch das Gesundheitssystem würden dazu beitragen, die Impfraten zu erhöhen. Ein besonderer Schwerpunkt bei der Gestaltung von Impfkampagnen sollte auf das Erreichen von Personen mit potenziellen Zugangsschwierigkeiten gelegt werden, z. B. Personen, die allein leben oder arbeitslos sind.


Authors
Olympia Anastasiou, Universitätsklinikum Essen - Institut für Virologie
Dörte Heger, RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung
Identifying and analyzing factors contributing to medication adherence: New evidence from the German population-based KORA study
Lars Schwettmann, Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt (GmbH)

Einleitung

Medication-based adherence (MA) describes to which extent the patient’s drug-taking behavior follows the recommendations of the health-care provider. MA contributes substantially to the success of a therapy. However, depending on the type of disease about 30% to 50% of patients are found to be non-adherent. Hence, it is necessary to increase MA by developing targeted solutions. Therefore, the aim of the present work is to identify and analyze factors that are associated with MA.

Methode

The study used data from the German population-based KORA-Fit study conducted in the Augsburg region in the years 2018 and 2019. The sample contained 2,120 participants aged between 53 and 74 years who reported that they have taken drugs within the last 7 days. Medication adherence was measured by five self-reported questions regarding the medication intake using the German version the Medication Adherence Report Scale. Based on findings from previous studies, several potential factors were taken into account, which can be classified into distinct groups: medication-based, health care system-related, socio-demographic, intentional, and unintentional factors towards medication adherence. Furthermore, measures of time and risk preferences were included. Binary logistic regression models for dichotomized variables based on the five adherence dimensions were estimated. For the sum score of the five dimensions, a Poisson regression model as well as binary logistic regression models applying different thresholds to indicate MA were estimated.

Ergebnisse

About 67% of the participants could be considered adherent according to threshold values established in the literature. Significant overall effects were found within each group of factors. A higher age, a more pessimistic attitude, a higher number of prescribed medications, a better doctor-patient relationship, and a better health-related quality of life were positively associated with MA. Furthermore, participants with a higher willingness to take risks were less likely to adhere. Regarding the five different adherence questions separately, many of the aforementioned observations could be confirmed for several of the dimensions regarded. Additionally, participants with higher education were more likely to forget to take their medication, while males more often reported to stop taking the drugs.

Zusammenfassung

Based on findings from a large population-based sample, the present study provides new evidence on factors potentially contributing to MA. Furthermore, it expands the existing literature by detecting significant positive associations between willingness to take risks and medication non-adherence. Based on these results, targeted adherence programs could be further developed in order to improve their effectiveness.


Authors
Julia Schröppel, Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt (GmbH)
Sara Pedron, Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt (GmbH)
Michael Laxy, Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt (GmbH)
Florian Karl, Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt (GmbH)
Annette Peters, Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt (GmbH)
Margit Heier, Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt (GmbH)
Lars Schwettmann, Helmholtz Zentrum München - Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt (GmbH)
Sin Taxes and Health Insurance: A New Approach to the Measurement of Internalities
Zarko Kalamov, TU Berlin

Einleitung

When making consumption choices, individuals often exhibit different forms of behavioral biases and inflict internalities on their future selves. For example, a person who engages in risky health behavior (such as, e.g., smoking or drinking alcohol) may be present-biased or lack information and neglect the future health costs of this behavior. If, furthermore, individuals have health insurance, they do not fully internalize the monetary treatment costs associated with future behavior-related illnesses. To internalize the internality and externality, sin taxes are levied on the unhealthy products. As shown the previous literature, the optimal tax equals the sum of the marginal internality and marginal externality. The marginal internality is, however, difficult to measure and its measurement is usually performed using surveys. This paper offers a novel approach to measure the internality.

Methode

We develop a two-period model where individuals consume a sin good in the first period. This consumption raises the probability of sickness in period two. The agent does not fully internalize the future health costs because of (i) present-bias and (ii) imperfect information. Therefore, the agent imposes an internality on its future self. A benevolent social planner uses both a sin tax and health insurance as policy instruments. Because of health insurance, there is an ex-ante moral hazard of sin good consumption.

Ergebnisse

We find that health insurance coverage not only leads to ex-ante moral hazard but also lowers the marginal internality. We can exploit the relationship between insurance coverage and the marginal internality in order to develop a new approach to measure the marginal internality. Different to previous approaches that rely on surveys to ask consumers questions regarding their (i) present-bias and (ii) knowledge regarding the health consequences of unhealthy consumption to measure the marginal internality, our approach does not require a survey. It uses a set of sufficient statistics that are empirically measurable independently from the existence of internalities in consumption. We apply our approach to smoking behavior in the US and show that it produces estimates regarding the marginal internality that are consistent with previous research.

Zusammenfassung

We have developed a model of sin good consumption under uncertainty and analyzed the effects of health insurance on the marginal internality of consumption. We have shown that insurance lowers the marginal internality. We exploit this effect to derive a new approach to the measurement of the internality that does not require the use of surveys. Our approach can be easily applied to different sin goods and we calibrate it to smoking behavior.


Authors
Zarko Kalamov, TU Berlin
Marco Runkel, TU Berlin