Vortragssitzung

Versorgungsforschung (II)

Vorträge

Prädiktion von Krankheitsexazerbation auf Basis von GKV-Routinedaten am Beispiel Herzinsuffizienz
Udo Schneider, Techniker Krankenkasse

Einleitung

Die Nutzung von GKV-Routinedaten in der Versorgungsforschung ist weit verbreitet. Dabei werden vorwiegend retrospektive Ereignis-Konstellationen analysiert. Neubauer et al. (2013) untersuchen am Beispiel der Herzinsuffizienz (HI) die leitliniengerechte Versorgung mit Daten der Techniker Krankenkasse (TK). Hinsichtlich des Krankheitsverlaufs bei HI nutzen Sundmacher et al. (2015) die Krankenhausstatistik. Demnach lässt sich ein Teil der Hospitalisierungen durch verbesserte Versorgung vermeiden. Um das prädiktive Potenzial solcher Daten auszubauen und für Versorgungansätze nutzbar zu machen, wird ein Analyseansatz entwickelt, der ein HI-Versichertenkollektiv im zeitlichen Verlauf selektiert, um damit die Eignung von Prädiktionsverfahren für Hospitalisierung beurteilen zu können.

Methode

Aus dem TK-Datenbestand der Jahre 2016-2019 werden Versicherte aufgegriffen, die eine Diagnose für Linksherzinsuffizienz (ICD I50.1) im Jahr 2017 aufweisen, jedoch im Vorjahr hinsichtlich HI diagnosefrei sind ("Indexdiagnose"). Nach Bereinigung um bestehende Komorbiditäten und eventuelle Kontraindikationen mit Hilfe von Indizes auf Basis von GKV-Routinedaten (z. B. Elixhauser Score) werden die Versicherten je nach Verlauf der Leistungsinanspruchnahme in Versorgungscluster gruppiert. Daraus lassen sich Annahmen über die Krankheitsexazerbation treffen, z. B. durch Abrechnung stationärer Aufenthalte. Zur Prädiktion kommen in einem Modellvergleich u.a. Random Forest, logistische Regression und Entscheidungsbaum zur Anwendung.

Ergebnisse

Insgesamt wurden knapp 59.000 Versicherte mit einer Indexdiagnose identifiziert. Von diesen konnten knapp drei Viertel einem Versorgungscluster zugeordnet werden, bei einem Viertel war dies auf Basis der vorliegenden Informationen zum Muster der Leistungsinanspruchnahme nicht eindeutig möglich. Es zeigt sich, dass insbesondere Krankenhausaufenthalte die Versorgungskosten deutlich erhöhen. Die für die Prädiktion genutzten Modelle lagen in ihrer Aussagekraft nah zusammen. Unter Annahme eines Thresholds von 0,3 konnte für 842 Versicherte (3.942 bei 0,2) eine erhöhte Wahrscheinlichkeit einer Hospitalisierung aufgrund der HI ermittelt werden.

Zusammenfassung

Die Analysen zeigen, dass mit GKV-Routinedaten eine Prädiktion von Krankheitsexazerbation möglich ist. Dabei ist jedoch eine genaue Selektion der Versicherten auf Basis von definierten Ein- und Ausschlusskriterien notwendig. Wichtig sind hierbei die Limitationen von GKV-Routinedaten wie die zeitliche Verfügbarkeit der Daten der ambulanten Versorgung und gültige Löschfristen. Dennoch können Routinedaten wertvolle Informationen für die Selektion von Versicherten und die gezielte Prädiktion liefern, um durch adäquate Maßnahmen des Versorgungsmanagements die konkrete Versorgungssituation von GKV-Versicherten zu verbessern.


Authors
Udo Schneider, Techniker Krankenkasse
Julia Borst, Techniker Krankenkasse
Dirk Horenkamp-Sonntag, Techniker Krankenkasse
Frank Petereit, Techniker Krankenkasse
Christine Vietor, Techniker Krankenkasse
Dose reduction for patients with rheumatoid arthritis in a real world setting – results from the VERhO project
Benjamin Birkner, Universität Hamburg (HCHE)

Einleitung

Rheumatoid Arthritis (RA) is one of the most prevalent inflammatory diseases in Germany. International guidelines suggest individual dose reduction, i.e. titration of disease-modifying anti rheumatic drugs (DMARDs) when patients are in a state of remission or low-disease activity. The innovation fund project “Versorgung von Menschen mit Rheuma optimieren (VERhO)” aims at evaluating the potential non-inferiority of systematic dose-reduction efforts in a real-world setting.

Methode

Adult patients with RA treated with DMARDs who are in remission for at least 6 months were eligible for enrollment by their rheumatologist. 628 patients from 27 practices were included in the intervention group (IG) with patients receiving a first time titration or the control group (CG) with continued treatment. Patients in the intervention group received dose-reduction of DMARDs by individual titration based on shared decision making with their rheumatologists. Medical documentation was linked with claims data of the Techniker Krankenkasse (TK) for 191 of 628 patients. Medical outcomes include, among others, disease activity, functional capacity and quality of life while economic outcomes consist of annual costs before and after enrollment. Risk adjustment between treatment and control groups was performed creating a synthetic control group using entropy balancing followed by a weighted difference-in-differences regression.

Ergebnisse

Following 12 months after enrollment, the clinical disease activity index (CDAI) increased from 2.5 to 4.4 for the IG and from 2.5 to 4.6 for the CG. The share of patients in remission who receive titration of DMARDs (IG) declined from 91% at baseline to 86% after 12 months. A similar development has been observed for the CG (95% to 84%). Quality of life (EQ5D), depression (PHQ9), functional capacity (FFbH) as well as self-assessed disease activity (RADAI) remain largely unchanged after 12 months for both groups. Nominal decreases for outpatient care (€-429), inpatient care (€-39), medical appliances/care by non-physicians (€-224) and sick leave (€-78) are observed, while pharmaceutical costs increased (€+972). However, no difference between the two groups is statistical significant.

Zusammenfassung

Our preliminary results suggest that titration of DMARDs for patients with RA in remission does not result in increased disease activity nor does it improve quality of life. Increasing medication costs appear contradictory in the light of an intervention aimed at reductions in medication use. However, results for costs might be biased due to the small number of TK insured patients being observable for 12 months after enrollment yet.


Authors
Benjamin Birkner, Universität Hamburg (HCHE)
Frank Verheyen, Techniker Krankenkasse
Tom Stargardt, Universität Hamburg (HCHE)
Ambulante spezialfachärztliche Versorgung: Intersektorale Versorgung von Patienten mit komplexen und seltenen Erkrankungen – Erste Ergebnisse der Befragung von Nicht-Teilnehmern und Patientenvertretern
Jana Becker, Wissenschaftliches Institut der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen

Einleitung

Die ambulante spezialfachärztliche Versorgung (ASV) als sektorenverbindende Versorgungsform wurde 2012 gesetzlich als §116b SGB V neu eingeführt, um die Patientenversorgung zu verbessern. Ziel dieser vom Gemeinsamen Bundesausschuss im Rahmen des Innovationsfonds geförderten Versorgungsforschungs-Studie ist es, die ASV indikationsübergreifend zu analysieren, Gründe für die langsame Etablierung, sowie Auswirkungen auf den Patientennutzen zu ermitteln und Handlungsempfehlungen abzuleiten. Im Rahmen einer umfangreichen Datenerhebung werden in verschiedenen Arbeitspaketen ASV-Teilnehmer, nicht-teilnehmende Ärzte in Niederlassung und Krankenhaus, Patientenvertreter, Patienten und die Erweiterten Landesauschüsse befragt sowie zusätzlich GKV-Routinedaten ausgewertet. Erste Ergebnisse der Befragung von niedergelassenen Nicht-Teilnehmern und Patientenvertretern werden präsentiert.

Methode

Die Einstellung zur ASV wird bei nicht-teilnehmenden Vertragsärzten mit einem quantitativen Online-Fragebogen und bei Patientenvertretern mit persönlichen, qualitativen Leitfaden-Interviews erhoben. Beide Erhebungsinstrumente wurden auf Basis der vorhandenen Literatur entwickelt und anschließend einer ausführlichen Pilotierung unterzogen. Für den quantitativen Fragebogen erfolgte zusätzlich ein umfangreicher Pre-Test.

Ergebnisse

Unter den nicht-teilnehmenden Ärzten ist besonders das als kompliziert empfundene Anzeigeverfahren ein wichtiger Grund für die Ablehnung der ASV. Berichte von Kollegen über Probleme hierbei wirken ebenfalls abschreckend. Besonders die Zusammenstellung der Teams und die Qualifikationsnachweise werden als zu zeitaufwändig bemängelt. Aus Sicht der Patientenvertreter können die Auswirkungen auf die Patientenversorgung noch nicht abschließend beurteilt werden, da viele Patienten erst seit kurzem im Rahmen der ASV behandelt werden. Das Potential der ASV wird aber indikationsübergreifend als relativ groß bewertet. Besonders die Chance auf eine kontinuierliche Betreuung durch ein festes interdisziplinäres Team und umfangreichere Behandlungsmöglichkeiten werden genannt. Für die Versorgung bei seltenen Erkrankungen erscheint jedoch der Mangel an Experten als größte Herausforderung und es gibt Zweifel, ob dieser durch die ASV behoben werden kann. Darüber hinaus zeigt sich, dass sich viele Patienten nicht über die Behandlung in der ASV bewusst sind.

Zusammenfassung

In der Einschätzung der Patientenvertreter über die Auswirkungen der ASV auf die Patientenversorgung überwiegen positive Aspekte. Die nicht-teilnehmenden Vertragsärzte bemängeln hauptsächlich das aufwändige Anzeigeverfahren und wünschen sich dessen Vereinfachung und Vereinheitlichung. Die Datenerhebung bei den weiteren beteiligten Akteuren ist nötig, um eine abschließende Beurteilung und Handlungsempfehlungen abgeben zu können.


Authors
Jana Becker, Wissenschaftliches Institut der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen
Alina Breuer, Wissenschaftliches Institut der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen
Vitali Heidt, Wissenschaftliches Institut der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen
Kerstin Hermes-Moll, Wissenschaftliches Institut der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen
Sandra Osburg, Wissenschaftliches Institut der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen
Niels Straub, FOM Hochschule für Oekonomie & Management, Institut für Gesundheit & Soziales (ifgs)
Robert Dengler, FOM Hochschule für Oekonomie & Management, Institut für Gesundheit & Soziales (ifgs)
Evaluation des Parkinsonnetzes Münsterland+ (PNM+) - Ergebnisse einer sozialen Netzwerkanalyse
Linda Kerkemeyer, inav GmbH

Einleitung

Parkinson ist ein komplexes Krankheitsbild. Ein zentrales Problem bei der Behandlung von Parkinson stellt die bisher nicht standardisierte und oft nur eingeschränkt, bilateral stattfindende Kommunikation zwischen den am Versorgungsprozess beteiligten Behandlern dar. Eine mögliche Lösung können Versorgungsnetzwerke sein. Ein Vorbild für ein solches indikationsspezifisches Netzwerk ist das ParkinsonNet in den Niederlanden. Das Parkinsonnetz Münsterland+ (PNM+) ist ein multidisziplinäres Netzwerk von medizinischen und nicht-medizinischen Akteuren, die in den Behandlungsprozess von Parkinson-Patienten involviert sind: Neurologen, Therapeuten (Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie), Psychologen, Parkinson-Nurses, Sanitätshäuser, Apotheken, Patienten und Angehörige. Ziel von PNM+ ist es, dass Patienten eine evidenzbasierte Versorgung nach aktuellen Leitlinien erhalten.

Methode

Für die Evaluation des PNM+ wird ein Mixed-Methods-Ansatz bestehend aus quantitativen und qualitativen Forschungsmethoden verfolgt. Die Evaluation fokussiert sich auf die Analyse der internen Netzwerkstrukturen des PNM+. Hierzu werden eine Soziale Netzwerk-Analyse (SNA) durchgeführt, ein validierter Fragebogen zur Teameffektivität eingesetzt sowie ergänzend semi-strukturierte Interviews geführt.

Ergebnisse

Die Erhebung erfolgte von März bis Mai 2020. In die SNA und die Analyse der Teameffektivität wurden 79 PNM+ Partner eingebunden. In der SNA stellten 67 PNM+ Partner (85 %) Informationen zu 79 PNM+ Partnern bereit, inwiefern sie diese persönlich kennen oder einen professionellen Austausch mit ihnen haben. Die Reziprozität der berichteten Verbindungen im Netzwerk „Persönlich bekannt“ (Netzwerk 1) liegt bei 0,52 und im Netzwerk „Professioneller Austausch“ (Netzwerk 2) bei 0,51. Das Netzwerk 1 beinhaltet jedoch mehr Verbindungen als das Netzwerk 2 (1.741 versus 847). Die Dichte des Netzwerks 1 beträgt 27,9 %. Dabei kennen Akteure aus dem ambulanten Sektor eher Akteure aus dem stationären Sektor als andere Akteure aus dem ambulanten Sektor. Gemessen an der Dichte zeigt sich eine Tendenz, dass die Akteure sich besser in ihren eigenen Professionen persönlich kennen (z. B. Neurologen mit einer Dichte von 62,5 %) als Akteure anderer Professionen. Die Ergebnisse zur Teameffektivität zeigen aber auch, dass das PNM+ eine gute Möglichkeit bietet, das eigene Wissen über die Parkinson-Krankheit zu erweitern, und eine offene, multiprofessionelle Kommunikation untereinander zu fördern.

Zusammenfassung

Insbesondere das Engagement der Netzwerkpartner, das Setting (ambulant vs. stationär) und die geographische Lage können sich auf die Intensität der Netzwerknutzung auswirken. Die Ergebnisse der Evaluation lassen sich mit Erkenntnissen aus dem holländischen Vorbild ParkinsonNet vergleichen.


Authors
Linda Kerkemeyer, inav GmbH
Michelle Kutscher, inav GmbH
Vanessa von Stülpnagel, inav GmbH
Pauline zur Nieden, inav GmbH
Tobias Warnecke, Klinik für Neurologie, Universitätsklinikum Münster