Vortragssitzung

Regionale Gesundheitsökonomik

Vorträge

Maßnahmen zum Abbau regionaler Disparitäten in der Gesundheitsversorgung – Ein systematischer Literaturreview
Signe Schönborn, Institut für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften

Einleitung

Lösungsansätze für die adäquate Gesundheitsversorgung einer älter werdenden Gesellschaft werden stetig diskutiert. Dabei zeigt sich jedoch, dass die Versorgung Älterer lückenhaft ist und ein Problem der Unterversorgung insbesondere in ländlichen Regionen vorliegt. Die Unzufriedenheit mit der Anzahl und Erreichbarkeit von Haus- und Fachärzten in ländlichen Regionen Deutschlands ist wesentlich höher als in den urbanen Gebieten. Seit mehreren Jahren zeigen Studien regionale Ungleichheiten im Auftreten von Krankheiten und gesundheitlichen Beschwerden, in der Lebenserwartung sowie im Gesundheitsverhalten in Deutschland auf. Die durchgeführten Maßnahmen zum Abbau regionaler Disparitäten sind vielfältig, doch nur wenige haben sich zu nationalen Lösungsansätzen entwickelt.

Methode

Für die Erstellung der systematischen Literaturübersicht wurden die Suchquellen Medline, Web of Science, Cochrane, OECD iLibrary, Livivo und Google Scholar genutzt. Der Suchstring umfasst Begriffe der Komponenten „Maßnahme“, „regional“, „Disparität“ und „Gesundheit“ sowie deren Synonyme und datenbankinterne Verschlagwortungen. Bei der Suche nach relevanten Inhalten wurden ausschließlich Publikationen berücksichtigt, die in englischer Sprache verfasst wurden und aus Monografien, Reviews, Dissertationen, Artikeln aus Fachzeitschriften oder Sammelbänden stammen. Konzeptpapiere, Handlungsanweisungen, Vorträge, Kommentare, Interviews und Nachrichtenartikel wurden hingegen ausgeschlossen.

Ergebnisse

Über die Suchanfrage in den genannten Suchquellen konnten 657 Ergebnisse generiert werden. Nach dem Screening von Title/Abstract verblieben 72 Publikationen zur Bearbeitung der Volltexte. Schlussendlich wurden 33 relevante Publikationen identifiziert. Anhand ihres Handlungsansatzes konnten die identifizierten Maßnahmen drei Kategorien zugeordnet werden. Hierbei konnten die Projekte, die eine digitale Versorgungslösung evaluieren der Kategorie „Telemedizin“ (7) und Maßnahmen, die auf Anreize für Ärzte oder die Medizinerausbildung abzielen der Kategorie „Leistungserbringer“ (17) zugewiesen werden. Des Weiteren wurden der Kategorie „Versorgungsstruktur“ (9) Maßnahmen hinzugefügt, die den Ausbau vorhandener Versorgungsstrukturen fokussiert.

Zusammenfassung

Die systematische Aufbereitung des Forschungsstands zu durchgeführten Maßnahmen zum Abbau regionaler Disparitäten hat aufgezeigt, dass die Problematik der Unterversorgung in ländlichen Regionen weltweit in zahlreichen Ländern adressiert wird. Insbesondere Konzepte zur Incentivierung für medizinisches Personal stehen im Fokus der Lösungsansätze. Dennoch wird aus zahlreichen Maßnahmen deutlich, dass erhebliches Verbesserungspotential in der Ausgestaltung und Durchführung der Maßnahmen im Sinne der Reduktion regionaler Ungleichheiten besteht.


Authors
Signe Schönborn, Institut für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften
Geographic Variation in the Utilisation of Medical Devices in four European countries: A Multilevel Analysis
Stefan Rabbe, Hamburg Center for Health Economics

Einleitung

This study aims at exploring and comparing variation in medical device utilisation in four different countries (Germany, Hungary, Italy and the Netherlands) using patient level data. Previous studies showed that healthcare utilisation varies considerably between geographic regions. However, we investigate, whether the variation found at a regional level is indeed due to geographic differences, or can rather be explained by differences at the hospital- or patient-level.

Methode

We selected eight case studies with medical devices (i.e. stents, laparoscope for prostatectomy and hysterectomy, hip and knee implants, PTA, cochlea implant and treatment of femur fracture) used for the treatment of major conditions . Not all of the eight devices are available for all four countries due to data availability. Further, we identified relevant explanatory variables to capture demand- and supply-side factors. Our analysis is based on patient-level data including hospital and regional level characteristics for the years 2012–2015 and applied a three-level logistic regression model to assess the determinants of patients receiving a defined treatment related to a medical device. Country specific estimates are calculated. Differences between the countries are assessed by comparing explanatory variables and the amount of the total variation attributable to each level.

Ergebnisse

For example for the case of drug-eluting stent (DES) vs. bare metal stents (BMS) for the year 2015, the share of DES is higher in Germany (Mean: 93.7%) than in Italy (Mean: 90.5%). In both countries, the share of DES has increased from 2012-2015. For Germany, DES utilisation is higher in Western compared to Eastern Germany. Moreover, results indicate that the largest part of the total variation is due to the patient-level. Still a substantial part of the total variation is attributable to the hospital level (Germany: 22.7%; Italy: 32.6%) and only a minor part to the NUTS3 level (Germany: 0%; Italy: 5.9%). This suggests that the regional level compared to the hospital level plays a subordinate role for the case of stents in Germany and Italy. Preliminary results for the other case studies suggest a similar pattern.

Zusammenfassung

The results for Germany and Italy for the cases of DES vs. BMS in the years 2015 are surprisingly similar. However, the regional level in Italy explains more of the variation in stent utilisation. One reason for this could be that the Italian healthcare system is more decentralised, with regions having their own HTA bodies. The fact that a substantial part of the variation in both countries is attributable to the hospital level could be an indication of the presence of potentially supply-driven variation.


Authors
Stefan Rabbe, Hamburg Center for Health Economics
Meilin Möllenkamp, Hamburg Center for Health Economics
Antal Zemplenyi, Syreon Institute
Gábor Kovács, Syreon Institute
Zsolt Abonyi-Tóth, Syreon Institute
Benedetta Pongiglione, Bocconi University
Hedwig Bloomestein, Erasmus University Rotterdam
Pim Wetzelaer, Erasmus University Rotterdam
Renaud Heine, Erasmus University Rotterdam
Jonas Schreyögg, Hamburg Center for Health Economics
Regionale Variation multimorbider Patient*innen in der vertragsärztlichen Versorgung in Deutschland
Isabel Geiger, LMU / TU München

Einleitung

Die Multimorbidität stellt derzeit eine der größten Herausforderungen für Gesundheitssysteme dar. Wissenschaftliche Studien belegen, dass Multimorbidität mit gesteigerter Inanspruchnahme an medizinischen Leistungen (z.B. in Form von Arztbesuchen) einhergehen kann, die für Ärzt_Innen zusätzlich in verlängerte Sprechstundendauern resultieren kann. In der Bedarfsplanung der vertragsärztlichen Versorgung werden demografische Variablen und regionale Merkmale der Bevölkerung berücksichtigt, ungeachtet des regionalen Aufkommens multimorbider Personen. Die vorliegende Studie zielt darauf ab, potentielle Unterschiede in der (regionalen) Verteilung multimorbider Patient_innen in der vertragsärztlichen Versorgung aufzudecken und darüber hinaus zu untersuchen, ob Regionen mit erhöhter Multimorbidität auch eine höhere Anzahl an Arztkapazitäten aufweisen.

Methode

Für die Analyse wurde die Anzahl multimorbider Patient_innen (≥ drei chronische Krankheiten) je Facharztgruppe aus den Daten der kassenärztlichen Bundesvereinigung des Jahres 2015 erhoben und auf Ebene der Kreise (fachärztliche Versorgung) und Mittelbereiche (hausärztliche Versorgung) aggregiert. Zusätzlich wurde die regionale Inanspruchnahme je Arztgruppe ermittelt. Unterschiede in der Verteilung multimorbider Patient_innen je Arztgruppen wurden über Boxplots und Variationskoeffizienten betrachtet. Anschließend wurden über räumliche Clusteranalysen (mittels Flächenschwerpunkten der Aggregatsebenen) Regionen mit einem signifikant höheren Anteil an multimorbiden Patient_innen bestimmt und mit den verfügbaren Arztkapazitäten kartografisch aufbereitet. Die Arztkapazitäten wurden dabei über regionale Versorgungsgrade und Verhältniszahlen abgebildet.

Ergebnisse

Erste Ergebnisse zeigen, dass Unterschiede im Anteil sowie in der regionalen Verteilung multimorbider Patient_innen in der vertragsärztlichen Versorgung bestehen. Häufig wiederkehrende Muster multimorbider Patient_innen erstrecken sich jedoch über den gesamten Osten sowie über Teile Westdeutschlands. Im Allgemeinen korrelieren die Arztkapazitäten positiv mit der absoluten Anzahl an multimorbiden Patient_innen je Region, nicht aber mit dem relativen Anteil zur Inanspruchnahme. Die verfügbaren Arztkapazitäten in den Clusterregionen scheinen insgesamt hinreichend, jedoch lassen sich einzelne Regionen (besonders in der hausärztlichen Versorgung) mit erhöhter Multimorbiditätslast abbilden, welche zusätzlich in Verdacht stehen, unzureichend versorgt zu sein.

Zusammenfassung

Die Studie untersucht erstmals die regionale Verteilung der Multimorbidität je Arztgruppe und legt einen Grundstein für weitere Untersuchungen, welche sich mit dem Einfluss regionaler Multimorbidität auf die Ressourcenallokation in der vertragsärztlichen Versorgung beschäftigen. Besonders die Validierung des Multimorbiditätsmaßes über systemexterne Maße würde die Ergebnisse weiterer Analysen bestärken.


Authors
Isabel Geiger, LMU / TU München
Ronja Flemming, TU München
Wiebke Schüttig, LMU München
Leonie Sundmacher, TU München
Rent-sharing in the health care sector: Evidence from the repeal of the East-German medical fee discount
Eduard Brüll, ZEW Mannheim

Einleitung

We analyze how rents are shared between employees and employers in the health care sector. To causally identify rent-sharing elasticities, we exploit variation in revenues stemming from the repeal of a policy in 2007 that led to different fee schedules for ambulatory physicians in East and West Germany. The policy, which was commonly referred to as Ost-Abschlag (East-Discount), mandated that East German physicians could only charge a fraction of the centrally-negotiated fees of their West German counterparts for service provided to patients with private health insurance. Using event-study methods that compare physicians’ practices over time, space and their revenue-share of privately insured patients, we examine the effects of the policy change on the profits and the wages paid in medical practices. Combining data from several sources, we find evidence for a rise in profits of East-German medical practices relative to the West in response to an increase in mandated fees. Importantly, we also see a similar increase in the wages of medical practice employees in the East, indicative of substantial rent sharing.

Methode

We use difference-in-differences and event-study methods and combine multiple datasets, to compare the development of profits and wages in medical practices before and after the repeal across East and West Germany, as only East German physicians were affected by the East-Discount. In addition we use further variation that arises due to differences in physicans’ exposure to the repeal of the East-Discount. The basic idea is that the repeal of the East-Discount should have increased revenue for an East German physician roughly proportional to her fraction of patients with PHI. This share differs widely between regions due to differences in the share of the population with PHI. It also varies strongly within regions across physicians with different specializations. To date, we use social security data to estimate wage effects of the reform and Mikrozensus data to approximate the effects on ambulatory physicians incomes at the market level. However, we will get access to the ZI physician practice panel next month, that contains the full balance sheet information (collected through the software of practices' tax account) of a representatice sample of practices. This will allow us to compute detailed revenue and profit responses. Moreover, it enables us to compute exposures to the reform at the practice level (based on a practices pre-reform private patient revenue share) to approximate practice-level profit-schocks.

Ergebnisse

Our preliminary results, indicate a persistent profit increase profit of more than 10 % and wage increase of 6%, which is roughly inline with rent-sharing estimates from preceding labour economics literature that concentrated on large manufacturing firms.


Authors
Eduard Brüll, ZEW Mannheim
Maximilian Bach, ZEW Mannheim